Donnerstag, 3. September 2015

Ein Einschub aufgrund der aktuellen Situation: Die Wut gegen „das Flüchten“ Beispiele aus dem Alltagsgeschäft eines Supervisors!

von Gerhard Gigler

Unterschiedliche Fälle aus der supervisorischen Praxis:


Fall 1:
Marion, 45 Jahre, ärgert sich zunehmend über die Organisation, in der sie schon 20 Jahre arbeitet. Es klappt schon lange nicht mehr in der Zusammenarbeit unter den Kolleg/innen seit der Fusion. Die Teamleiter schauen weg, wollen dies nicht wahrhaben und konzentrieren sich lediglich auf die fachliche Kompetenz. Veränderungen auf der strukturellen Ebene (Klare Strukturierung der Teambesprechung, Definition der Zuständigkeiten etc…) würden jedoch auch das Beziehungs-Klima deutlich verbessern. „Es macht mich wütend, dass die da oben vor den eigentlichen Problemen davonlaufen“, sagt Marion in der ersten Supervisionssitzung.

Fall 2:
Die Führungskraft einer Firma schildert in der Supervision die komplexen Veränderungen, die Tag für Tag als Anforderungen an sie herangetragen werden. „Es macht mich wütend, dass die Mitarbeiter/innen viele kleine Probleme nicht selbst in den Griff bekommen. Das müsste doch von selbst laufen. Es ist alles so gut und klar strukturiert. Ich bin zum Großteil nur damit beschäftigt, mich um die Dinge zu kümmern, die nicht gut laufen und diese zu korrigieren. Ich mache mir mehr und mehr Gedanken über eine Frühpensionierung und das macht mich zudem wütend auf mich selbst, weil mir die alte Begeisterung abhandengekommen ist. Dies zieht zusätzlich Kraft und Energie.“

Fall 3:
Im Team einer sozialen Einrichtung wird mehr und mehr verbalisiert, dass die Zusammenarbeit mit den anderen Teams schwierig ist. Der Informationsfluss läuft nicht wirklich geschmeidig. Es geht nur noch darum, wer bessere Ergebnisse bringt und damit geht der Blick für das Gesamte verloren. „Eigentlich sollte es um eine gute Zusammenarbeit gehen und um das Nutzen der unterschiedlichen Meinungen und Perspektiven. Die Vielfalt wird nicht wirklich genutzt. Wir schwanken zwischen Resignation und Wut.“

Fall 4:
Julian, 35 Jahre, fühlt sich in der Firma nicht mehr wohl. Er klagt über Schlaflosigkeit. „Die einzelnen Vorkommnisse beschäftigen mich auch noch in der Nacht. Ich schlafe nur noch 4 – 6 Stunden und bekomme die ersten körperlichen Symptome zu spüren. Die innere Unruhe spüre ich ständig, und es ist wie ein innerer Kampf, der da ständig stattfindet. Manchmal halte ich das fast nicht mehr aus und würde am liebsten vor mir selber davonlaufen.“

Fall 5:
Birgit arbeitet ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe und betreut Nadim, 19 Jahre. Nadim musste zusehen, wie seine 3 jüngeren Brüder (16, 12 und 8 Jahre) ermordet wurden. Er ist nach Deutschland geflohen. Es beschäftigt und quält ihn, wie es dem Rest seiner Familie in Syrien geht und ob die vielleicht schon unterwegs sind. Er sieht die Wut, die ihm in Deutschland entgegenschlägt und liest von vielen schrecklichen Äußerungen. Birgit ist wütend über diese Wut und die fremdenfeindlichen Äußerungen, die von Abschaum und Dreck sprechen. „Teilweise bin ich nur noch sprachlos“, sagt Birgit in der Supervision „und dabei heißt Nadim - in deutsche Sprache übersetzt - noch dazu Freund und Vertrauter“.

Anmerkungen bzgl. des Themas „Flüchten - im einzelnen Menschen und in Organisationen“

„Das Flüchten“ begegnet uns in unterschiedlichen Facetten und Formen von diversen Blickwinkeln. Wir kennen es als diejenigen, die selbst vor etwas flüchten oder fliehen wollen, sowohl vor etwas in unserem Innen, als auch vor etwas im Außen. Wir kennen es auch im Wahrnehmen von anderen, die flüchten. In manchen Situationen erscheint der Fluchtvorgang als „Ausflucht“, und wir wählen damit einen Weg, der keine „vernünftige“ Lösung zustande bringt und „offene Kisten“ (offene Baustellen) nicht schließt. In manchen Situationen sehen wir jedoch keinen anderen Ausweg und es ist sinnvoll, legitim und vernünftig zu flüchten.

Flucht und fliehen ist uns also bekannt und ist jedoch vom Sprachgebrauch eher negativ besetzt. „Wer vor etwas flieht, entzieht sich und stellt sich der eigentlichen Sachlage nicht“, so eine gängige Meinung. Es spielt dabei keine Rolle, ob ich derjenige bin, der flieht oder ob andere fliehen. Die negative Bedeutung sitzt bei vielen Menschen tief: „der flieht doch nur und hat Angst vor den Herausforderungen des Lebens“.

 „Das Flüchten“ weist zudem immer auf einen schmerzhaften Veränderungsprozess eines Systems hin. Ein Veränderungsprozess, der etwas nicht so geschmeidig verlaufen lässt, wie es von den Beteiligten gewünscht wird. Es gibt einen Fluchtauslöser und einen Background dazu. Assoziationen schwingen mit, wie: „ungeschmeidig, abrupt, ohne andere Lösungsmöglichkeit, nicht normal verlaufend, genötigt von einer mächtigeren Instanz im Innen oder Außen, ohne andere Bewältigungsstrategien, Versagen von mir oder jemand anderem oder etwas anderem, Grenzüberschreitungen etc…“.

Alle Arten von Flucht lösen eher negativ empfundene Emotionen und Reaktionen aus: Wut, Traurigkeit, Resignation, Kampf, Ablehnung, Hilflosigkeit, Schmerz etc. Wut ist in der Regel eine Form, die die darunterliegenden Gefühle verdeckt.

Die oben beschriebenen Gefühle und Reaktionen konfrontieren den Menschen also mit seinen eigenen bekannten Ängsten, die er bewusst oder unbewusst in sich trägt und lösen will. Es kann auch davon ausgegangen, dass sich zum „Fluchtphänomen“ sowohl tiefsitzende kollektive, als auch intensive archetypische Spuren in uns finden lassen.

Politischer Ausflug aufgrund der aktuellen Situation

Aufgrund der aktuellen Situation ist es nicht mehr möglich wegzusehen; einmischen scheint wichtig, da uns das Thema im komplexen Zusammenhang mit der Globalisierung alle angeht und uns berührt.
Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte von „Flucht“ und dem Streben nach neuen Lösungsmöglichkeiten. So kann das Phänomen also einerseits als „Flucht vor etwas“ oder andererseits als „Bewegung hin zu etwas“ verstanden werden – je nach Erlebenswelt des einzelnen.
Menschen mit untragbaren Lebensbedingungen suchen bessere, taten dies in der gesamten Menschheitsgeschichte und werden dies auch weiterhin tun. Das ist es, was die Menschheit überleben ließ. Das ist es, was uns Menschen ausmacht und ursprünglich ist und weiter wirkt. Weltweit gab es 2013 rund 50 Millionen Flüchtlinge, laut Jahresbericht des UN-Flüchtlingshilfswerks, UNHCR. Im Jahr drauf waren es 10 Millionen mehr. 15 bis 25 Millionen Menschen leben nicht mehr in ihrer Heimat, sondern im ausländischen Exil. Die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder. Ein Ende dieser Flüchtlingswelle ist nicht in Sicht, und es scheint erst die Spitze des Eisbergs. Noch viel mehr Menschen auf diesem Planeten werden einen Antrag auf Asyl stellen. Es ist nicht begründbar, wieso jemand der einen Antrag stellt, der abgelehnt wird, als Asylbetrüger bezeichnet wird. Abgelehnte Anträge stellen in unserer Gesellschaft eine Normalität dar, und es stellt sich nicht die Frage nach „Betrug“.
Dieses „Wording“ ist unbegründbar und von einer ideologischen Tendenz geprägt, die durch die oben beschriebenen Anmerkungen gesättigt werden. Diese Begrifflichkeiten scheinen eine Ablenkung vor den eigentlichen Realitäten und den eigenen Ängsten zu sein. So ist von Asylbetrug, statt von Völkerwanderung die Rede.
Natürlich ist zudem auffällig, dass die Flüchtlingsströme aus Staaten kommen, die durch völkerrechtswidrige Militärinterventionen bedroht wurden, an denen wir in irgendeiner Form mitbeteiligt sind. Laut dem renommierten Stockholmer Friedensforschungsinstitut Spiri nimmt Deutschland den 3. oder 4.Platz der weltweit führenden Waffenexporteure ein - davor China, Russland und die USA. Dennoch: die Situation ist komplex und kaum mit einer Ursache- Wirkungs-Polarisation zu erklären, die „den eigentlichen Schuldigen“ sucht. Die Verstrickungen sind weitaus undeutlicher, und wir sehnen uns auch an diesem Punkt nach einem einfachen Freund-Feind-Schema. Damit verfehlen wir die Realität der systemischen Komplexität.

Auch die simple Rechnung „hier die Guten, dort die Bösen“ geht nicht auf. Systeme haben die bekannte Eigenart, eintretende Disbalance im Gesamtsystem auszugleichen. Die Flüchtlingsströme weisen unaufhaltsam auf diesen Ausgleichsversuch des Gesamtsystems hin.

Dass diese Balanceversuche eines Systems gelingen können, beweist die Zeit nach dem 2.Weltkrieg. 12 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge sind integriert worden und an unserem wirtschaftlichen Aufstieg beteiligt gewesen. Allerdings war das damalige Deutschland in einer weitaus schlechteren Lage als das heutige: zerbombte Städte und eine zerstörte Infrastruktur, Leid und Elend waren kennzeichnend.

Integration und Solidarität haben diese großartige Gemeinschaftsleistung möglich gemacht und der Balanceversuch des Systems, der immer einen Ausgleich von Geben und Nehmen anstrebt, konnte gelingen. 

Der Supervisor arbeitet auch mit dem „noch nicht sichtbaren Background“

Fast wie ein Spiegel wird uns die derzeitige Situation vor Augen geführt. Wir erleben Ängste, in der Gesellschaft, die ein Spiegel sein können für die inneren Vorgänge. Die Angst vor fremden Anteilen verbindet sich mit den negativen Assoziationen zu Flucht und Heimatlosigkeit. Der Gefühlscocktail entlädt sich in Wut und Gegenwut im Subsystem des Zufuchtsortes. Dies trifft auf die Situation traumatisierter Flüchtlinge, die in der Vergangenheit am Ort des Fluchtauslösers massive Gewalt erlebt haben. Ein Cocktail von Aggression wird sich dann mehr und mehr zusammenbrauen, wenn es an Integration, Solidarität und echtem Kontakt fehlt.

Im oben beschriebenen Fall 5 hat der Supervisor den aktuellen Mix in Reinform vor sich. Das Phänomen von „Flucht“ oder „etwas nicht wahrhaben wollen“, „sich entziehen wollen“ oder „etwas anderes aufnehmen und integrieren sollen wegen Flucht“ etc. ist in vielen Fällen spürbar. Wie eine Pointierung hält uns die derzeitige Situation einen Spiegel vor und konfrontiert uns sowohl mit unseren innersten, kollektiv verankerten Ängsten und Vorgängen, als auch mit den Möglichkeiten und Chancen, die Menschsein ausmacht.

Der Supervisor wird als Begleiter dieser Prozesse anders agieren wie ein methodenorientierter Berater, der gängige Konzepte anbietet. Der „noch nicht sichtbare Background“ gerät in den Fokus. Dazu wiederrum einige Anmerkungen zum aktuellen politischen Kontext:






Der Flüchtende reagiert mit einer Fluchtbewegung vom Fluchtort zum Zufluchtsort. Der Fluchtort macht Angst und bedroht. Gründe können in den unterschiedlichen o.g. Fällen sein:
Scheu Beziehungsthemen aufzugreifen, Angst vor Konflikten, Belastung durch Neu-strukturierung, Konkurrenzdenken, unbewältigte innere Anteile machen Unruhe, Angst, Bedrohung durch Krieg und Tod…

Eine Dynamik mit den Rollen Täter, Opfer, Retter wird erlebt und sichtbar.


 

Die Dynamik des Dramadreiecks wird im neuen Subsystem fortgeführt. Täter 2 tritt in neuem Subsystem auf die Bühne, da durch die eingetretene Fluchtbewegung Täter 1 nicht aktuell und direkt in Erscheinung tritt. In der aktuellen Situation springen also wutentbrannte Bürger in die freigewordene Rolle des Täters.







Das Dramadreieck nimmt seinen Lauf und die Rollen können ständig wechseln. Das Opfer kann zum Täter werden. Der Retter zum Opfer usw… Es ist eine Dynamik mit ständig wechselnden Polaritäten, die unheilvoll für alle Beteiligten wirkt.
Einen Ausweg bietet die Dynamik, wenn aus den unterschiedlichen Rollen und der Spieldynamik gelernt wird. Dann kann dies zu einer neuen befriedeten Lösung führen. Liegen allerdings dysfunktionale Beziehungsmuster vor, scheint es keinen Ausweg zu geben.

Umso wichtig erscheint es gerade bei scheinbar unlösbaren Situationen auf das Gesamtsystem zu blicken und die einzelnen Backgrounds mit einzubeziehen. Die Zusammenhänge der einzelnen Backgrounds werden wichtig.




Wenn man das Gesamtsystem betrachtet, hängt die offensichtliche Fluchtbewegung (2) mit einer anderen Bewegung zusammen, die in Abbildung 4 als „nicht offensichtliche Fluchtbewegung (1)“ bezeichnet ist. In der aktuellen Situation können wir wahrnehmen, dass Flüchtlinge aus den Regionen kommen, die von uns mit Waffen beliefert werden und uns daraus auch finanzielle Vorteile entstehen. Viele andere Fälle von „ausbeutenden Maßnahmen“ bzgl. ärmerer Länder und Völker kennen wir und könnten hier in Überfülle beschrieben werden. So gesehen kann also diese „nicht offensichtliche Fluchtbewegung“ ebenso als eine Art Flucht bezeichnet werden und erscheint als Flucht vor finanziellen Einbußen, vor materiellem Mangel etc…
Das Gesamtsystem versucht also auch hier einen Ausgleich im System herzustellen und die „Flüchtlinge“ kommen in unsere Länder.

Der Blickwinkel des Supervisors ist also immer auch der Blick auf den Background der unterschiedlichen Subsysteme und auch auf die unterschiedlichen Bewegungen im Gesamtsystem, auf die offensichtliche und auf die „nicht offensichtliche“ Fluchtbewegung und der Supervisor wird damit konfrontieren.
Ein Ausstieg aus dem Dramadreieck wird nur durch den Blick auf das Gesamtsystem möglich und auch ein Ausstieg aus dem steten Rollenwechsel von Täter, Opfer und Retter kann angebahnt werden. Eine befriedigende Lösung aus der unheilvollen „Spieldynamik“ ist im Fokus des supervisorischen Handelns.

In der politischen Landschaft sind Politiker gefragt, die nicht polarisieren, die mit ihrem „Wording“ aus dem Täter-Opfer-Retter-Spiel aussteigen, die ihre eigenen inneren Themen der „Spieldynamik“ gelöst haben, die mutig genug sind, um die „nicht offensichtliche Fluchtbewegung“ zu artikulieren und entsprechend auch die jeweiligen Backgrounds zu analysieren. 

Gerhard Gigler



Gerhard Gigler ist Gründer und Akademieleiter von INTAKA.

Er begleitet die Supervisionsausbildung als Ausbildungsleiter und Prozessbegleiter und führt diese Ausbildungen seit knapp 20 Jahren durch.

Gerade die gesellschaftlichen Verhältnisse beeinflussen die Rahmenbedingungen unserer Organisationen, in denen wir beruflich tätig sind. Diese sind für den Supervisor bedeutsam.

„Die INTAKA-Flüchtlingsprojekte sind uns wichtig, weil wir hier sowohl Explosionsstoff, als auch große Chancen sehen.“



Gerne höre ich Ihr Feedback zum Themenblitzlicht: Gerhard.Gigler@intaka.de