Dienstag, 25. März 2014

Zur Anwendung der Neurologischen Ebenen oder „Mit dem Dritten sieht man mehr!“

von Heinrich Weber

Das 3D-Fernsehen hat das Wohnzimmer erreicht. Und es gibt inzwischen sogar Geräte, die diese Faszination ermöglichen, ohne dass man dazu eine rot-grüne Brille aufsetzen muss. Das räumliche Sehen, auch Stereo oder dreidimensionales Sehen genannt,  hat jedoch nicht nur Unterhaltungswert, sondern auch eine enorm wichtige Bedeutung für den Alltag. Dadurch werden dem Menschen feine Arbeiten im Nahbereich möglich, die ihn zu Urzeiten erst zur Herstellung von Werkzeugen  befähigt haben. Wie wichtig dies ist, erfährt derjenige im Selbstversuch schnell, der ein Auge zukneift und dann einen Faden seitlich in ein Nadelöhr einfädeln will. Ohne räumliches Sehen hat man kaum noch Tiefenempfinden und trifft zunächst immer davor und dahinter.

Diese Erfahrung lässt sich auf die Art und Weise übertragen, mit der wir die Wirklichkeit als Ganzes betrachten und wahrnehmen. Anknüpfend an die Lerntheorie des angloamerikanischen Anthropologen, Biologen, Sozialwissenschaftlers, Kybernetikers und Philosophen Gregory Bateson wird im NLP davon ausgegangen, dass sich die Ereignisse im übertragenen Sinn nicht nur auf drei, sondern immer gleichzeitig auf mehreren Dimensionen oder Ebenen abspielen, die es freilich nicht nur mit dem äußeren, sondern mit dem geistigen Auge in den Blick zu nehmen gilt. Auf diese Weise kann es gelingen, zu einer Tiefendimension vorzustoßen, die neue Reaktionsmöglichkeiten und Handlungsweisen erschließt.  Die Lernebenen, auch als Logische oder Neurologische Ebenen bezeichnet,  beschreiben deshalb, wie Lernerfahrungen und Verhaltensweisen organisiert werden bzw. aufgebaut sind, wobei die logisch übergeordneten Ebenen immer die darunterliegenden beeinflussen.

Die Neurologischen Ebenen (Umwelt, Verhalten, Fähigkeiten, Glaubenssätze, Werte, Identität und Zugehörigkeit, Spiritualität) bilden gewissermaßen eine Struktur, die wir in allen Situationen, denen wir begegnen, erkennen können. Sie stellen eine Art Raster dar, auf dessen Hintergrund sich die Wirklichkeit ereignet. Denn auf jeder Ebene hat das Erleben einer Situation Auswirkungen auf das Verhalten und die Fähigkeiten, auf jeder Ebene liegen Probleme, Ziele und Ressourcen. Oder im Bild gesagt: Die verschiedenen Ebenen ermöglichen einen multidimensionalen Blick auf die Wirklichkeit. Ähnlich wie ein Computertomograph unzählige Aufnahmen von verschiedenen Schichten des Körpers speichert, die zusammengesetzt ein Bild des Ganzen ergeben, so kann ich mit Hilfe der Neurologischen Ebenen das Gesamtbild einer komplexen Situation erfassen und die Wirklichkeit erschließen.  

Um dies zu verdeutlichen, verweise ich gerne auf eintreffendes Beispiel zur Anwendung bei der Problemanalyse, das sich in der NLP-Kartei von Waltraud Trageser und Marco von Münchhausen findet. Darin wird beschrieben wird, wie sich ein Ehe-Streit (nicht nur im Sinne der neurologischen Ebenen) hochschaukeln kann:
Er (Umgebung): »Das ist aber ein Saustall hier.«
Sie (Verhalten): »Ich habe heute morgen aufgeräumt.«
Er (Fähigkeit): »Das ist dann wohl nicht deine große Stärke.«
Sie (Werte): »Wenn dir Ordnung so wichtig ist, mach es doch selbst. Und außerdem könntest du ein bisschen mehr Rücksicht darauf nehmen, dass ich auch noch was anderes zu tun habe.«
Er (Identität): »Ach so, ich bin also rücksichtslos.«
Sie (Zugehörigkeit): »Bei deiner Familie ist das auch kein Wunder.«

Die Lösung dieses Beziehungsproblems liegt offenbar nicht allein auf der Verhaltensebene, sondern muss mindestens auf der Stufe der Zugehörigkeit oder sogar noch darüber ansetzen. Grundsätzlich gilt ja, dass jede Veränderung auf einer höheren Ebene in der Regel in die tiefere hineinwirkt, was umgekehrt nicht zwingend zu erwarten ist.
Die Anwendungsmöglichkeiten der Arbeit mit den Neurologischen Ebenen sind entsprechend vielfältig. Sehr gute Erfahrungen mache ich mit dieser multidimensionalen Sichtweise zum Beispiel bei Bewerbungsgesprächen. Hier bilden die verschiedenen Ebenen den Leitfaden für das Gespräch und ermöglichen es, innerhalb kürzester Zeit ein möglichst umfassendes Bild des Bewerbers bzw. der Bewerberin zu gewinnen und damit dessen Eignung für die ausgeschriebene Stelle auszuloten.

Bei der Technik des sogenannten Alignment (gemeinsamen Ausrichten der Ebenen) dienen die Lernebenen zur Problemlösungs- oder Ressourcenarbeit, indem die positiven Qualitäten, die in jeder Ebene enthalten sind, der Reihe nach assoziiert erfahren werden, um sie anschließend von der höchsten Ebene aus in die tieferen Ebenen hineinzutragen. "Die Ausrichtung der Ebenen ist, als bereite man den Boden, ehe man die Samen aussät," umschreibt dies Robert McDonald.  Davon ausgehend lassen sich die verschiedenen Schichten auch auf Körperzonen übertragen. Bei einer Übung, die ich „der heilsame Touch“ nenne,  lasse ich die verschiedenen Ebenen am eigenen Körper durchspüren. Im Rahmen einer heilenden Trance werden diese ausgerichtet, um dadurch Blockaden zu lösen  und die die spirituelle Energie neu fließen zu lassen. Auf diese Weise kann es gelingen, ein stärkeres Gefühl von Ganzheit und innerer Harmonie zu erfahren.

 
Diese und viele andere Möglichkeiten der Anwendung lassen die Arbeit mit den Neurologischen Ebenen für mich zu einem unverzichtbaren Instrumentarium werden. Ich freue mich schon auf die Bico-Tage, wenn das, was bei der Ausbildung zum NLP- Practitioner als „basic skills“ vermittelt wird, praktisch erlebt und erfahrbar gemacht werden kann.





Literatur:
Peter B. Kraft: NLP-Übungsbuch für Anwender, S. 303

Trageser Waltraud, die NLP - Kartei IX 1.1.