Dienstag, 25. März 2014

Mit dem Ressource-Scan zu Systemischen Compliments


von Gerhard Gigler


Compliments sind entstanden als strukturierte Form der „Anerkennung“, die Steve de Shazer als hilfreiche therapeutische Intervention formuliert und es scheint eine wunderbare Möglichkeit den Fokus auf bereits entdeckte Ressourcen zu richten und so Lösungsräume zu erweitern.


Wenn ich an das Thema Compliments denke, habe ich immer wieder eine bestimmte Situation in meinem Kopf, die ich hier gerne als kleinen Aperitif servieren möchte.


Vor etwa 9 Jahren war ich mit Felix, einem kubanischen Freund von mir, zum ersten Mal in einem Reisebüro in Deutschland. Wir standen davor und nach einem kurzen Disput vor dem Schaufenster ließ er sich dann doch davon überzeugen, seinen Flug selbst zu buchen und es auf seine Art und Weise mit seinen Deutschkenntnissen zu versuchen. Notfalls wäre ich ja dann dabei und könnte unterstützend eingreifen. Meiner Meinung nach reichten seine Sprachkenntnisse aus, um ans Ziel zu kommen und ich sagte ihm auch, dass er „schon sehr gut deutsch spricht!“.


So hielt ich ihm also die Tür auf und wir gingen hinein. Es war kein anderer Kunde da und lediglich eine einzige Verkäuferin hinter dem Schreibtisch des kleinen Ladens. Nun tat er es tatsächlich auf seine eigene Art, ging auf die Frau zu, die hinterm Schreibtisch saß und gerade ihr Headset abnahm, um uns zu begrüßen. Er schüttelte ihre Hand und beugte sich ebenso strahlend wie blitzschnell über den Schreibtisch, küsste sie auf ihre rechte Wange und begrüßte sie mit folgenden Worten mit spanischen Akzent: „Hey hallo, wie hubsch Sie sind! Ein Freund, der ist Kunde von hier, hat gesagt hier ist es besonders gut.“
Ebenso plötzlich erwiderte sie mit leicht errötetem Gesicht aber sehr schlagfertig: „Hey wie vergnüglich, was verschafft mir die Ehre dieser hübschen Komplimente?“. Ich dachte mir in diesem Moment etwas peinlich berührt: „Oh, no! Mit der Sprache klappt das sehr gut und die Deutschkenntnisse scheinen wirklich ausreichend, dennoch geht das jetzt in eine kubanische Richtung hier, die etwas komisch wirkt.“
Ich erlebte die Begrüßung in diesem Rahmen als etwas forsch und dem vorliegenden Kontext nicht wirklich angemessen. Im Nachhinein konnte ich es dann natürlich auch nicht lassen ihm zu erklären, dass das in Deutschland sehr ungewöhnlich ist, als übergriffig verstanden werden und im unangenehmsten Fall zu einem Konflikt führen kann. Kaum ausgesprochen, hatten wir im Handumdrehen tatsächlich den Konflikt zwischen uns, da er die schlauen Ausführungen meinerseits zum einen überhaupt nicht verstehen und zum anderen auch nicht glauben konnte. Er könne ja schließlich nur so sein wie er ist und er ist in erster Linie natürlich und freundlich und wird sich auch in Deutschland nicht verbiegen lassen. Ich selbst dachte über mich so etwas wie: „…wiedermal typisch deutsch, aber ich muss es ihm doch erklären…“. So nahm die Diskussion zwischen uns und vor allem auch in meinem Kopf mit mir selbst ihren freien Lauf.


Diese Begebenheit ereignete sich also vor ca. 9 Jahren und trotz dieser langen Zwischenzeit schmunzle ich immer wieder mal über diese Situation, über seine Aktion, die Reaktion der freundlichen Frau hinter dem Schreibtisch und meine Gedanken und Gefühle dabei. Tja, manchmal ist das nicht so ganz einfach mit Komplimenten J!



Nach der lösungsorientierten Definition meint die Intervention mit Compliments im Beraterkontext jedoch sowieso mehr als das deutsche Wort Komplimente in der Regel umfasst. Oft wird der Begriff ja eher auch sehr salopp, im Sinne von „Honig um´s Maul schmieren“ verwendet.
Das ist nun jedoch in keinem Fall damit gemeint.
Es ist mehr als ein Prozess zu verstehen, der das Positive der Person hervorhebt, die mir im Beratungskontext gegenüber sitzt und der Berater das zum Ausdruck bringt, von dem er vermutet, dass der andere es auch annehmen kann.
Zwei Komponenten sind dabei also besonders wichtig: 1. Die Authentizität meiner Worte und 2. Das Abwägen in mir, was davon mein Gegenüber vermutlich annehmen kann.
Der zweite Punkt schließt also mit ein, dass das positiv gemeinte nicht über das Ziel hinausschießt, denn es könnte eine eher ablehnende Haltung im anderen dabei entstehen, also z.B. eine Fantasie in der Richtung von: „…der sagt das ja eh nur weil…“. Authentizität und Hypothesenbildung sind also wichtige Faktoren dabei.
Somit ist das Geben von Compliments also ein Rapportprozess, in dem es darum geht eine authentische Verbindung zwischen Personen herzustellen. Zielrichtung dabei ist das, was in der Gestalttherapie unter „echtem Kontakt“ verstanden wird. So ist es also gewissermaßen ein hin- und herschwingen zwischen meiner Welt und der Welt des anderen. Die Beteiligung der Figur meines Inneren Teams, die ich Innerer Coach nenne ist von Vorteil, da diese Figur für Authentizität sorgt.
Aus unserem interkulturellen Beispiel ist leicht abzulesen, dass die Kulturunterschiede dabei eine zentrale Rolle spielen. Dass es meinem kubanischen Freund an der Stelle sehr gut gelang in echten Kontakt zu treten, lag sicherlich auch an seinem strahlenden Gesichtsausdruck mit dem er es tat und an seinem Selbstverständnis von „so ist das richtig“, während dieser Aktion – also an seinen eigenen Beliefs. Ich schmunzle, wenn ich mir ausmale, wie die ganze Aktion ankommen würde, wenn ich dies in Deutschland täte, mit meinen Beliefs in mir. Ebenso interessant erschiene es mir zu vergleichen, welches Beliefssystem im Kopf der freundlichen Frau im vorliegenden Fall erzeugt wurde und welche Beliefs wachgerufen würden, wenn ich der Akteur wäre. Beliefssysteme stehen also in Wechselwirkung und rufen sich gegenseitig wach und kreieren sich und eine gemeinsame eigene Welt, einen eigenen Systemic Body. Die eigene Kultur berührt die Kultur des anderen.


Wenn ich von „Systemischen Compliments“ in meinem Sinne spreche, möchten ich nun noch ein wesentliches Element hinzufügen, das auf der Basis des Systemischen Hexagon verstehbar wird: Die Verknüpfung der Work- mit der Private-Seite und ebenso die Verknüpfung der Sinn- und der Interaktionsebene. Dieses Kriterium wird am besten erfüllt, wenn Compliments von einem Bezugssystem ausgehend in das diagonal entgegenliegende Bezugssystem wechselt – dies ist nicht immer möglich und auch nicht immer sinnvoll. Ich möchte dies hier kurz erläutern:
Das Systemische Hexagon® unterscheidet als Bezugssysteme die „work“ von der „private“ Seite und auf jeder Seite auch die Ebene „Sinnsystem“ von der Ebene „Soziales System“ bzw. „Interaktionssystem“. Ein Compliment auf der „Sinnebene private“ betrifft z.B. die Werte der Person, ihre Beliefs, die spirituelle Ebene ebenso wie die Körperebene, die Ursprungsfamilie etc. also alle „Sinnquellen“ aus denen eine Person ihre externalen und internalen Interaktionen speist. Ein Compliment auf der „Interaktionsebene private“ betrifft alle Interaktionen der Person in deren „Sozialen Systemen“ auf der private Seite. Das gleiche gilt für das „Interaktionssystem work“. Das „Sinnsystem work“ meint die Werte der Organisation und alle weiteren „Sinnquellen“ aus denen sich eine Organisation nährt.

Somit findet also an dieser Stelle ein „Ressource-Scan“ der unterschiedlichen Bezugssysteme statt.

Erstaunt kann ich in Bezug auf das obige Beispiel nur sagen, dass hier das Kriterium erfüllt wurde – wenn auch auf kubanische Art und Weise!
„Hey hallo, wie hubsch Sie sind! Ein Freund, der ist Kunde von hier, hat gesagt hier ist es besonders gut.“
Dieser Satz verbindet also das „Sinnsystem private“, das in den Worten „hey hallo, wie hubsch Sie sind!“ angesprochen wird mit dem „Sozialen System work“, das in den Worten „Ein Freund, der ist Kunde von hier, hat gesagt hier ist es besonders gut.“
Somit wurden diese zwei Systemfelder miteinander verbunden und zudem noch das eigene „Soziale System private“ mit einbezogen. Mit „…hier ist es besonders gut“ könnte man sogar noch das „Sinnsystem work“ angesprochen sehen. Nach der Theorie von „NeuroSystemic Balance“ und deren Basismodell dem „Systemischen Hexagon“, war diese kubanische Begrüßung also fast schon eine hexagonale Glanzleistung.
Nun wäre es natürlich noch ganz klasse gewesen, wenn ich ihm damals dieses Kompliment hätte geben können und auch der sympathischen Frau im Reisebüro, die ganz wunderbar reagiert hat und dann auch innerlich mir, für meine Gedanken interkultureller Art.


So haben wir also nun unterschiedliche Kriterien:


Die Wohlgeformtheit von Systemischen Compliments:
           1.      Authentizität 
           2.      Hypothesenbildung 
-          bezogen auf das Annehmen-können eines Systemischen Compliments
-          im Sinne eines angemessenen Rapportprozesse
3.      Ressource-Scan der Bezugssysteme 
-          Wenn möglich: unter Einbezug von mindestens 2 Bezugssystemen des Systemischen Hexagons
-          im besten Fall: Wechsel der Bezugssysteme diagonal

Im Beraterkontext verwende ich diese Art von „Systemischen Compliments“ vorwiegend zum Abschluss einer Sitzung, einer Methode, eines Prozesses, einer Einheit. 

Ich finde es eine wunderschöne Art, so einen Beraterprozess zu beenden, da ich als Berater nochmals aufgefordert bin, die Ressourcen, die ich beim Klienten wahrnehme, nochmals zusammenfassend und klar mir zu Vergegenwärtigen und die einzelnen Bezugssysteme, die im Beratungsprozess eine Rolle spielten, auf Ressourcen hin zu scannen.