Donnerstag, 15. April 2010

Systemischer Coach – Der multiperspektivische Systemplayer als Bühnenbildner – eine vergleichende Metapher!

Der nachfolgende Text vergleicht die Arbeit des Coachs mit einem Bühnenbildner. Dies ist metaphorisch gemeint und zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus der Arbeit eines Coachs. Die bezugnehmenden kursiven Texte, die die Arbeit des tatsächlichen Bühnenbildners beschreiben, sind wortwörtlich aus www.wikipedia.de zum Stichwort Bühnenbildner entnommen.

Herr Meierhuber ist als ausgeglichener Kollege bekannt und arbeitet seit vielen Jahren kooperativ und gut integriert im Team von Herrn Müller in einer größeren Firma, die international tätig ist. Für Frau Schmidtberger, die ebenso im Team von Herrn Müller arbeitet, kann das gleiche gesagt werden und in der Zusammenarbeit können zahlreiche Erfolge verbucht werden.
Allerdings gibt es Situationen, die auf unerklärliche Art und Weise immer wieder zum gleichen Ausgang führen: Das Gespräch stockt in der Teambesprechung an einem Punkt, beide drehen sich immer wieder im Kreis, fahren die gleichen Loops und das Gespräch wird abgebrochen; das Team staunt schulterzuckend. Unter Moderation von Herrn Müller wird ein gemeinsamer Weg gefunden und das ganze ist wie vergessen. Allerdings wiederholt sich dieses Systemspiel in regelmäßigen Abständen im Team und nervt Herrn Müller zunehmend, da es ihn Zeit und Energie kostet – d.h. natürlich auch Geld!
Herr Müller beauftragt einen Coach, der dieser Teamsituation genauer auf den Grund gehen soll.

Der Bühnenbildner arbeitet eng mit dem Regisseur zusammen. Dieser hat in Abstimmung mit der Theaterleitung ein Stück ausgewählt, das er dann mit dem Bühnenbildner, dem Kostümbildner und dem Dramaturgen inhaltlich bearbeitet.

Der Coach arbeitet eng mit den beiden zusammen, die anscheinende Auslöser für dieses Stück, das in regelmäßiger Wiederholung aufgeführt wird, sind. Die Zielabstimmung erfolgt im Sondierungs- und Kontraktgespräch mit dem Team, dem Teamleiter und dem Abteilungsleiter. Die Ziele werden gemeinsam konkret eingegrenzt und beziehen sich ausschließlich auf das genannte Problemstück. Mit den weiteren drei Teammitgliedern wird ein Teamcoaching durchgeführt – das Teamcoaching findet also zu fünft statt.

Nach Textanalyse und Recherchen erstellt der Bühnenbildner erste Entwürfe. Diese Skizzen werden oft in maßstabsgetreue Modelle umgesetzt, in denen zuverlässig die Raumwirkung und die technischen und szenischen Vorgänge simuliert werden können.

In der ersten Sitzung führen Situationsanalysen zu den ersten Hypothesen. Diese können auf die Bühne gebracht werden – sowohl das Problembild als auch das Zielbild. Durch die Darstellung im Raum und der damit verbunden Raumwirkung werden die Vorgänge der Szenerie dieses Systemspieles transparenter und jeder Mitspieler erhält einen ausschnitthaften Einblick in die Innenwelt der anderen Mitspieler innerhalb des Rahmens, der im Kontrakt vereinbart ist. Dieser partielle Einblick darf nur soweit reichen, wie er bezüglich der im Kontrakt festgehaltenen Zielformulierung notwendig ist. Jeder zu ausufernde Einblick in den persönlichen Bereich verletzt bei Teamarbeit den Kontrakt, führt zur Entgrenzung der vorgegebenen Situation, lässt die beruflichen Rollen verschwimmen und führt zu unnötiger Verunsicherung in der Zusammenarbeit, die auf den Schutz - den die beruflichen Rollen bieten - angewiesen ist.
Es ist klar, dass jedes Teammitglied in jeder Situation Mitspieler aus dem eigenen inneren Team in den Vordergrund holt und andere im Hintergrund bleiben.
In der betreffenden Situation kam Herr Meierhuber mit der inneren Teamfigur des besserwissenden Missionars auf die Bühne. Dies hat einen lebensgeschichtlichen Hintergrund, der für Herrn Meierhuber interessant und wichtig ist, das Team jedoch überfordern würde und im beruflichen Kontext „nix zu suchen hat“. Interessant an dem Bühnenstück war, dass Frau Schmidtberger schon beim bloßen Anblick der Figur des besserwissenden Missionars eine Figur aus ihrer Systemspielschatztruhe holte, die als aggressive Angreiferin bezeichnet werden könnte, die Rundumschläge in jede Richtung verteilte, was dem Missionar Futter gab. Die Figuren der anderen Teamplayer beschränkten sich auf wahrnehmende Zuschauerrollen, die einen geeigneten Rahmen boten, um dem Spiel genügend Raum zu bieten.

Also: Lassen wir nun die eigentlichen Personen weg und fokussieren auf die Hauptrollen aus dem jeweiligen inneren Team, die die eine Bühne in der jeweiligen Situation beherrschen und wir haben: einen Missionar, eine Angreiferin, drei Zuschauerrollen.
Zusammen mit den Bühnenarbeitern werden Auf-, Um- und Abbau sowie Funktionsfähigkeit geprüft. Meist direkt im Anschluss folgen die Beleuchtungsproben. Der Bühnenbildner hat vorher in Abstimmung mit dem Regisseur (manchmal zusammen mit einem Lichtgestalter) ein Beleuchtungskonzept entworfen. Dies geschieht mit Hilfe des Modells oder zunehmend mit dreidimensional arbeitenden, die Beleuchtung präzise simulierenden Computerprogrammen. Oft dauert es mehrere Tage, bis alle Lichtstimmungen eingeleuchtet sind.
Der Bühnenbildner benötigt sehr gute Kenntnisse der Beleuchtungstechnik und Farblichtmischung, denn der optische Eindruck wird damit stark beeinflusst und die psychologische Wirkung eines Bühnenbildes auf den Zuschauer durch die Beleuchtung entscheidend bestimmt.
Bis hierher fiel die Beleuchtung auf den Missionar und auf die Angreiferin. Nun können unterschiedliche Beleuchtungs- und Veränderungskonzepte entworfen werden:
Wie läuft das Spiel weiter, wenn die Beleuchtung auf eine der Zuschauerrollen fällt? Was passiert, wenn die Beleuchtung nur eine der zwei Hauptfiguren in den Blick nimmt? Was geschieht, wenn die zwei Hauptfiguren auf der Bühne der Firmenleitung auftauchen? Was fehlt dem Team, wenn es diese zwei Hauptrollen nicht mehr gibt? Wer übernimmt Anteile, die als Energiepotential in den einzelnen Rollen liegen? Welche positiven Ressourcen liegen wie kleine Schätze im Verborgenen hinter den jeweiligen Rollen? Was geschieht, wenn diese beleuchtet werden? Was findet statt, wenn dieses Systemspiel nicht mehr stattfindet? Das simulierende Computerprogramm wird durch simulierende Raumobjekte und die Flipchart und weiteren Medien ersetzt und es dauert oftmals mehrere Sitzungen, bis die richtige Lösungseinstellung gefunden ist. Das Gesamtsystem bleibt im Blick – die psychologische Wirkung ist oftmals erstaunlich.

Als erstaunlich erscheint immer wieder, wie in der Beziehungsarbeit sozusagen Bühnen und Gegenbühnen aufgebaut werden. Die eine als Reaktion auf die andere und umgekehrt – in ständiger Wechselwirkung.

Auch in dem einzelnen Protagonisten selbst geschieht diese Wechselwirkung, wenn eine Bühne im privaten Bereich die Gegenbühne im beruflichen Bereich entstehen lässt und umgekehrt oder eine Bühne im Sinnsystem (z.B. Ursprungsfamilie oder Wertesystem u.v.m.) die Bühne des sozialen Systems (aktuelles soziales System, in dem handelnde Interaktion in irgendeiner Form möglich ist) und umgekehrt entstehen lässt – dies gilt für den privaten Bereich ebenso wie für den beruflichen Bereich.

Ziel des Systemischen Expressionscoachings und der Systemischen Expressionsarbeit – SystEx ist die Balance der einzelnen Systemfelder bzw. Systembühnen.

Arbeitsinstrumentarien von SystEx sind:
- das Systemische Hexagon als klare Background-Struktur
- Systemische Tiefeninterviews als Analyseinstrumentarium
- Stellungsarbeit mit Systemischen Slots
- die Arbeit mit dem inneren Coach
- Expressionspiele und Improvisation
- die Arbeit mit dem Systemischen Hexagon zur Work-Life-Balance
Erst der Abend der Premiere erweist durch die Reaktion von Publikum und Kritik, wieweit die künstlerische Energie von Werk, Ensemble und Regie im Bühnenbild tatsächlich einen wirkungsvollen Platz gefunden hat.

Gerhard Gigler
INTAKA-Akademieleiter