Donnerstag, 15. April 2010

Aggression und Kreativität –

Mit Gloria, die von ihren Freunden auch Lalo genannt wird, gehe ich durch die Straßen von Nueva Gerona. Dass Lalo die Abkürzung von La Loca ist und „die Verrückte“ bedeutet, stört sie. Aus diesem Grund beschimpft sie gelegentlich ihre Freunde mit rauer und lauter Stimme und lacht dabei immer wieder bellend und bissig auf. „Aber ich will so genannt werden“, sagt sie mir, als ich sie darauf anspreche, „nenn´ mich ja nicht Gloria!“. „Ok!“ Ich spreche sie also auch mit Lalo an und werde gelegentlich dafür angeschrieen, bevor sie lachend mein Gesicht mit einer ihrer zwei großen, furchigen und dunklen Hände zu sich hinzieht und mich mit ihren schwulstigen Lippen auf die Wange küsst. >Bembas< nennen Kubaner diese für die schwarze Bevölkerung und die Mulatos typische Lippenausprägung. Nach dem Kuss vermeide ich es unter den Blicken von Lalo die feuchten Kussreste wegzuwischen und tue es in einem unentdeckten Moment etwas verhalten deutsch.

Die karibische Sonne heizt die kleine Hauptstadt dieser kubanischen Insel „Isla de la Juventud“, die früher Schatzinsel hieß, bis zur Mittagszeit mächtig auf. Diese Schatzinsel war die Vorlage für den gleichnamigen Roman von Robert Luis Stevenson. Er erinnert an vergrabene Schatzkisten, Kampfszenarien auf knarzenden Segelschiffen, an betrunkene Seeleute, die sich scheinbar gedankenlos-wild und siegessicher in lebensbedrohliche Abenteuer stürzen, und der Roman entwirft Bilder von kampfzerschundenen, einäugigen und einarmigen Piratengestalten in schwarzen Mänteln und unter schwarzen Hüten, die mit ihren Goldzähnen keine Beißhemmung zu kennen scheinen.

Lalo will mir ihr Haus zeigen, das von den Hurrikans Gustav und Ike zerstört wurde. Das Dach wurde abgedeckt, und sie schläft nun seit Wochen mit ihrer Tochter und den zwei Enkelkindern auf einer 1,40 Meter breiten Matratze, die nicht richtig trocken wird, da es nachts immer wieder ins Haus regnet. Wir biegen in die Straße ein, in der Lalo lebt. Auch die Häuser und Gemäuer dieses Teils der Stadt sind von Verwüstung gekennzeichnet, und es sieht weitaus furchtbarer aus, als ich mir dies nach den Schilderungen vorgestellt hatte. Durch einen Freund und Mitarbeiter habe ich von der Katastrophe, die diese kleine Insel heimgesucht hat, erfahren. Im Fernsehen wurde kaum davon berichtet. Die Nachrichten der verheerenden Auswirkungen der Hurrikans in Texas überdeckten den Schickssalsschlag, von dem die Not leidende karibische Bevölkerung dieser kleinen Insel schmerzlich getroffen wurde. Das war der Grund für den Start unseres Hilfsprojektes für die Hurrikanopfer. Die politischen Umstände verschlimmern diese Notsituation erheblich. Das Beispiel einer alten Frau, die aus dieser Not heraus 10 Eier auf dem Schwarzmarkt verkaufen wollte und dabei erwischt wurde, blitzt in diesem Moment in mir auf. Sie kam dafür für 2 Jahre in Castros Gefängnis. Dies erzählte mir der Pfarrer von Santiago de Cuba auf dem Fest der deutschen Botschaft in Havanna, zu dem ich einige Tage vorher eingeladen war. Er selbst wurde einige Jahre ausgewiesen, da er in einer sonntäglichen Predigt die misslichen Umstände angesprochen hatte und Fidel Castro als aggressiven Täter anklagte.

Während ich mit Lalo in ihre Straße einbiege, ist dort auf der anderen Straßenseite ein bedrohlich wirkender Streit zugange. Laut! Schreiend! Heftig! Ein Mann brüllt auf eine relativ schmächtige Frau ein, die mit gleich lauter Stimme dagegen schreit und ihn zu übertönen versucht. Gegenstände fliegen auf die Straße. Eine Menschentraube formiert sich um die aggressiv Streitenden. Die Männer und Frauen aus der Traube reden miteinander, manche kichern gelegentlich. Einer ruft kopfschüttelnd: „Diese Hitze macht doch alle verrückt!“. Die anderen lachen darüber schallend. Eine Pferdekutsche fährt vorbei und das mehrmalige Schnauben des abgemagerten Pferdes klingt wie eine Zustimmung. In dem Getümmel sehe ich, wie der Mann die Frau beim Arm packt und sie mit körperlicher Gewalt bedroht. Die Frau zieht ihre Hand zur Ohrfeige aus. Sie schreien sich an. Andere sind stumm. Wieder andere lachen im Gerede miteinander. Eine alte ca. 70-jährige Frau mit vielen bunten Halsketten sitzt locker und scheinbar unbekümmert in nur einem Meter Entfernung hinter dem streitenden Paar in einem Schaukelstuhl an der Hauswand und zündet sich genüsslich eine Zigarre an. Salsamusik dringt aus den Häusern und die Luft ist staubig. Einige Meter weiter tanzt eine kleine Gruppe von Erwachsenen und Jugendlichen auf offener Straße zur Musik, und mir schießt der Blitzgedanke durch den Kopf, dass Salsa soviel wie Soße, Gemisch bedeutet. Das aufwühlende Durcheinander dieser Straßenszene erinnert mich daran. Und ich denke mir: „Wieso greift hier niemand ein?“ Der Mann erhebt weiterbrüllend seine Fäuste und zeigt dabei fletschend seine Zähne. Sein Gesicht wirkt auf mich wutverzerrt und zerstörerisch. Lalo packt mich am Arm. Mit ihren großen Augen, die merkwürdig neugierig beobachtend aus ihrem dunklen Gesicht hervorstechen, starrt Lalo schmunzelnd und gespannt auf die Szene auf der anderen Straßenseite. Plötzlich verändert sich die Szene und der eben noch aggressiv-brüllende Kubaner packt die Frau an den Schultern, zieht sie an sich heran und beide küssen sich intensiv, bevor sie in ihrem Haus verschwinden. Einige klatschen und lachen, während Lalo mehr zu sich selber - in sich hineinseufzend - als zu mir sagt: „Das ist Liebe!“. Etwas sehr verdutzt und empört sage ich zu Lalo: „Das kann nicht sein, oder? Und die landen wohl jetzt gleich in ihrem Bett, oder?“ Und Lalo erwidert mir laut auflachend: „Soweit schaffen die das sicher nicht mehr, so heiß wie die sind. Oder kocht ihr in Deutschland die Eier vielleicht mit kaltem Wasser?“

Stichwort: Aggression, Libido und Kontakt

Häufig habe ich in der psychologischen Literatur gelesen, dass der Hauptaspekt der Fähigkeit zu Liebesbeziehungen und auch von deren Pathologie, die Integration von Libido und Aggression ist. Wie diese Integration geschehen kann und wie diese sich im alltäglichen Leben realisiert, ist kulturell unterschiedlich. Und es sind wieder einmal die Unterschiede, die die Unterschiede ausmachen und die Unterscheidungen, an denen wir lernen, das Eigene klarer zu sehen und das Ungleiche oder Neue zu verdauen und anzupassen, um so den eigenen Organismus wachsen zu lassen und fortzupflanzen.
Die Empörung und das Unverständnis, mit der ich diese Straßenszene beobachtete und die Gelassenheit vieler umherstehender Kubaner machte einen spürbaren Unterschied auf, der mich an den Grenzen meiner Lebenseinstellung anrührte und viele Überlegungen und Gedanken freisetzte.
Das grundlegende Konzept des Kontaktes in der Gestalttherapie umschreibt Kontakt zunächst als die Wahrnehmung von etwas, das assimiliert, also angepasst werden kann. „Dann ist Kontakt die aggressive Bewegung zu diesem anpassbaren Wahrgenommenen hin oder die aggressive Abwehr dessen, was sich als unassimilierbar herausstellt.“ (Blankertz, Doubrawa 2005).
Im Fall dieser kubanischen Straßenszene hat wohl irgendeine Form von Integration von Aggression und Libido im Hier & Jetzt stattgefunden, und es konnte dadurch an den Grenzen von Ich und Du Assimilation stattfinden.
Es geht im Kontakt mit dieser anderen Mentalität und Kultur nicht um einen bewertenden Vergleich, es geht vielmehr um das Wahrnehmen der Unterschiede und um das Kauen daran, das als aggressiver Akt, wie das Kauen der Zähne bei der Nahrungsaufnahme, gesehen werden darf. Es darf eine Zumutung sein. Es darf an die Grenze gehen. Es darf ein tatsächlicher Prozess des Austausches zwischen Organismus und Umwelt sein, dem es nicht um „mindfuck“, sondern um das Erleben der eigenen Bedürfnisse geht. Dieser Prozess „…verlangt nach einer aggressiven Zerlegung der bestehenden >>Gestalten<< in seine assimilier- oder integrierbaren Elemente, egal ob es sich um Nahrung, Erlebnisse, Informationen, Einflüsse, Konflikte, Ideen oder Theorien handelt.“ (Blankertz, Doubrawa 2005).
Wie dieses aggressive „Kauen und Zerlegen“ in unserer Straßenszene aussah, mag den einen zum Schmunzeln bringen, den anderen kopfschüttelnd die Schultern zucken lassen.


…drinnen ist draußen und draußen ist drinnen …

…immer noch innerlich kopfschüttelnd öffnet mir Lalo ihre angelehnte Haustür. Der Gestank von Meerwasser und Fisch kommt mir entgegen. Trotz des fehlenden Daches hält sich der Geruch in dem vom Meerwasser angefressenen und zerfallenden Gemäuer. Mehrere Tage stand das Meerwasser nach dem Hurrikan meterhoch im Haus und hat die sowieso schon morbiden Mauern beschädigt und ist in das Mauerwerk mit seinem ganzen Geruch hineingekrochen und eingedrungen. Lalo zeigt mir die feuchte Matratze, auf der die vier Personen schlafen und dabei in den Sternenhimmel schauen können, weil das Dach fehlt. „Ich schlafe eigentlich immer im Freien“, sagt Lalo lachend, „obwohl ich in meinem Haus schlafe. Eigentlich bin ich immer draußen, auch wenn ich drinnen bin“, sprach sie weiter und wischte sich dabei den Tränensee aus ihren Augen, der anfing sich zu bilden. Die metaphorische Bedeutung ihrer Worte berührt mich in diesem Moment ganz tief. Eigentlich bin ich immer draußen, auch wenn ich drinnen bin.
Sie zeigt mir auch die kleine Ecke, in der die Familie sich mit Wasser aus Eimern abduscht und zur Toilette geht. Die Mauern dieses ca. 5 m² großen Eckraumes sind vom Rauch angekohlt, da Lalo hier in der Dusche auch tagelang mit Holz und anderen Materialien Feuer machen und kochen musste. Es war nämlich der sicherste Raum in der kleinen Hütte. Allerdings fiel eine Palme auf das Dach und hat die Toilettenschüssel zertrümmert, die trotz dieses Zustandes von der Familie benutzt werden muss. „Während die Palme fiel, kauerten wir uns in der Ecke der Dusche zusammen, und ich hielt meine Tochter und die Enkelkinder unter mir eng umschlungen, so als könnte ich sie vor der Palme schützen“, lachte Lalo, „und wie durch ein Wunder, ist dabei tatsächlich niemandem etwas passiert.“
Dabei zeigt sie auf ihren Altar mit den vielen kleinen Figuren. Ein Gemisch aus afrikanischen Gottheiten und christlichen Heiligenfiguren. Der heilige Lazarus und auch Franz von Assisi schauen mich als Puppen aus dunklen Mulattengesichtern merkwürdig lebendig an. Ich sehe eine rauchende Zigarre vor den heiligen Puppen, die in einer kleinen, alten Metallschale liegt und langsam abbrennt. Auch Rum entdecke ich in einer Flasche dahinter, mit dem Lalo die Figuren mit einem zischenden Laut abspuckt und kurze Gebete in einem spanisch-afrikanischen Dialekt spricht, den ich trotz meiner guten Spanischkenntnisse nicht verstehe. Manche Figuren haben bedrohliche Säbel in ihrem Kopf, die wie waffenartige scharfe Messer wirken. „Und der hier!“, sagt Lalo, während sie auf eine afrikanische Heiligenfigur zeigt, „der hier zerstört alles, baut aber auch alles wieder auf, erneuert und erschafft neu. Aber nur, wenn er will“, fügt sie hinzu und wirkt dabei fast etwas traurig.
Als Mythenfoscher interessierten mich schon immer die Tricksterfiguren der Religionen, die in alten Mythen vorkommen. Es sind die Figuren, die aggressiv zerstören und auch kreativ neu erschaffen. Es sind die Figuren, die unberechenbar sind, die sich alles erlauben dürfen, sich in Tiergestalten verwandeln und bis ans Äußerste des Bedrohlichen gehen, Tabubrecher und Listgestalten, die sich scheinbar keinen Regeln unterwerfen und dadurch Kreativität als Kernenergie in sich tragen. Ohne die aggressiven, zerstörerischen Energien kann die Kreativität nicht zum Zug kommen. Ich sehe der Figur in ihr Gesicht und nehme die messerscharfen Zacken auf ihrem Kopf wahr, die töten können, gleichzeitig die kindlichen Gesichtszüge und die Bonbons, die als Opfergabe davor liegen. Bei genauerem Betrachten eine schauerlich ambivalente Mischung, die fasziniert. Nah am Leben, nah am Hurrikan, nah am Gestank dieser Hütte, nah am Streit auf der Straße, nah an der kindlichen Naivität von Lalo, nah am Leben dieser Menschen, denke ich mir. Aggression und Kreativität in einer Figur auf einen Nenner gebracht. Jede Figur hat ihren eigenen Rhythmus, jede Figur hat ihre eigenen Bewegungen in ihrem eigenen Trancetanz, und Santeros kennen diese Tänze mit ihren Rhythmen, geprägt von Aggressivität und Kreativität, Sexualität und Impulsivität. Diese afrokubanische synkretistische Religion der Santeria, die sich mit ihrer Art der weißen Magie den Gegenzauber zum schwarzen Voodoozauber entwickelt hat, versucht so die oft tabuisierten Gefühlsregungen zu integrieren, und die Gottheiten sind wie eine innere Teilearbeit geliebter und auch ungeliebter Gefühlsregungen. Der äußere Tanz spiegelt die inneren Bewegungen wieder wie ein auf die Bühne gebrachtes Systemspiel, das das Innere vor Augen führen will. Drinnen ist draußen und draußen ist drinnen. Wie wahr denke ich mir und Lalo reicht mir ein Glas mit Rum, um mit ihr auf das Leben anzustoßen.

Die sozial erzwungene Unterdrückung der Aggression

„Der Grund dafür, dass der Organismus so große Schwierigkeiten hat, den lebensfähigen Kontakt mit der Umwelt herzustellen, liegt in der beschriebenen fortwährenden, sozial erzwungenen Unterdrückung der Aggression. Angst löst nicht so, wie es sein sollte, eine nur zeitweilige und vorübergehende Gefühllosigkeit gegenüber den aggressiven Impulsen aus, sondern einen weitgehenden Verzicht darauf, auf das zu hören, was der Körper sagt.“ Alles, was der menschliche Organismus „…je begehren könnte – Nahrung, Unterkunft, Sicherheit, ja sogar Luxus, Bildung und Sinnlichkeit -, hat die Gesellschaft bereits zur Verfügung gestellt. Als Gegenleistung verlangt sie einen weitgehenden Verzicht auf Konflikt und Aggression, denn dies würde ja die Ordnung bedrohen, die für alle sorgt.“ (Blankertz, Doubrawa 2005)
Dort, wo die Gesellschaft dies alles nicht zur Verfügung stellt, dort, wo ich gezwungen bin, im Hier & Jetzt zu leben, weil alle Planung unmöglich ist, in einer Kultur, in der ich heute noch nicht weiß, wie das Überleben morgen sein wird, dort scheint der Impulsivität im Hier & Jetzt Raum gegeben und die Ängste vor einer Aggressionseskalation scheinen kleiner, da aggressive Ausbrüche zum Lebensalltag gehören. Die Gratwanderung, die bei der Integration eigener aggressiver Gefühlsregungen zu beschreiten ist, bleibt eine Herausforderung für den einzelnen. Der interkulturelle Blick über den Gartenzaun löst nichts. Durch das hautnahe Erspüren der Unterschiede öffnet er jedoch Türen, die zu den eigenen Grenzen hinführen und bietet dadurch neue Lernterritorien. Erstmals und oftmals hörte ich von Kubanern vom Menschenrecht der Expression. Dieses so benannte Menschenrecht hat mich zum Nachdenken gebracht.
Hier geht es scheinbar um Expression, die keinen erkennbaren Zweck verfolgt, sondern um der Expression willen geschieht - so kann sie gestaltend wirksam werden, reinigend und integrativ wirken.

Die Spontaneität und Impulsivität von Menschen aus anderen Kulturen fasziniert uns gelegentlich, zieht uns an und stößt uns ab. Die Herzlichkeit wirkt auf uns, genauso wie die aggressiven Impulse, die spürbar und erlebbar sind und auch die Kreativität im Gestalten der harten Lebensrealitäten.

Literatur:
• Blankertz, Stefan, Doubrawa, Erhard: Lexikon der Gestalttherapie, Peter Hammer Verlag, Köln 2005
• Auszüge aus dem zweiten noch unveröffentlichten Roman von Gerhard Gigler: La Loca. Impressionen kubanischer Alltagsexpressionen.



Wir verweisen auf das Kuba-Tagebuch zu unserem

INTAKA Kuba-Hurrikan-Hilfsprojekt

unter: www.intaka.de/Aktuelles/kuba2.php

Gerhard Gigler
INTAKA-Akademieleiter